4 Methoden zur Beobachtung des Medienmarktes

In diesem Kapitel werden die Methoden zur Beobachtung des Medienmarktes dargestellt und bewertet. Es geht also um die Frage, auf welche Weise das Bibliothekspersonal in Erfahrung bringen kann, welche Titel lieferbar bzw. neu erschienen sind. Folgende Verfahren kommen in Frage:

 

Schließlich wird erörtert, welche Anforderungen an Informationsdienste zur Beobachtung des Medienmarktes zu stellen sind, und es wird eine Methodik zur Auswahl der optimalen Informationsdienste vorgestellt.

4.1 Aktiver Besuch in Fachgeschäften

Diese Methode besteht darin, daß das mit Bestandsaufbau befaßte Bibliothekspersonal während der Arbeitszeit Buchhandlungen, Phonogeschäfte usw. aufsucht und sich durch Betrachtung der aufliegenden Ware oder vermittels Beratung durch das Fachpersonal des Geschäfts über Neuerscheinungen informiert.

Die Methode ist

 

Ein systematischer Vergleich der aufliegenden Titel mit den im Bestand vorhandenen Titeln und deren tatsächlicher Nutzung ist nur sehr eingeschränkt möglich, nämlich nur, soweit das Bibliothekspersonal entsprechende Daten im Kopf hat(64). Das findet bereits bei kleinen Zweigbibliotheken sehr enge Grenzen und führt leicht zu subjektiven Verfälschungen.

Vor allem gibt es nur in sehr wenigen großen Städten Buchhandlungen von solcher Leistungskraft, daß durch Augenschein der aufliegenden Ware annähernd eine Marktübersicht gewonnen werden kann. Zwar ist die Versorgung mit Buchhandlungen einerseits und öffentlichen Bibliotheken andererseits vergleichbar, wie die folgende Tabelle zeigt.

Ortsgrößenklasse

Anteil der Orte mit Buchhandlung

Anteil der Orte mit öffentlicher Bibliothek

5.000 bis unter 10.000 Einwohner

35 %

30 %

10.000 bis unter 20.000 Einwohner

77 %

64 %

20.000 bis unter 50.000 Einwohner

96 %

98 %

50.000 und mehr Einwohner

100 %

100 %

 

Jedoch liegt in den allermeisten Buchhandlungen nur eine sehr schmale Auswahl der etwa 12.000 für öffentliche Bibliotheken geeigneten jährlichen Buchneuerscheinungen auf. Abgesehen von Großbuchhandlungen in Großstädten, nehmen Buchhandlungen höchst selten mehr als 3.000 neue Titel pro Jahr auf Lager, und zwar dem wirtschaftlichen Erfolgszwang der Buchhandlungen gemäß vor allem solche Titel, die einen Abverkauf in nennenswerten Stückzahlen erlauben, vor allem Ratgeber, Bestseller, Kinderbücher und eine Auswahl populärer Sachbücher und Romane. Eine Orientierung allein an dieser schmalen Auswahl würde dem öffentlichen Auftrag der Bibliothek, wie er oben umrissen wurde, widersprechen, auch wenn die Bibliothek ihrerseits gar nicht in der Lage ist, 1.000 oder 3.000 verschiedene neue Titel zu erwerben.

Selbst in mittelgroßen Buchhandlungen geht das Sortiment (also nicht nur die jährlich neu ans Lager genommenen, sondern die insgesamt am Lager gehaltenen Titel) über 15.000 Titel nicht hinaus. Das ist eine weit geringere Titelbreite als in Mittelstadtbibliotheken.

Freilich muß zwischen Sortimentstiefe und Sortimentsbreite differenziert werden. Unter Sortimentsbreite versteht man die Anzahl der Themen, über die Angebote vorhanden sind. Unter Sortimentstiefe versteht man die Anzahl der verschiedenen Titel, die zu einem Thema angeboten werden. Beispielsweise bietet eine Fachbuchhandlung, die sich auf juristische Literatur spezialisiert hat, eine geringe Sortimentsbreite an, während eine Allgemeinbuchhandlung ohne Spezialisierung eine große Sortimentsbreite, nämlich ein paar juristische Ratgeber, aber ebenso Reiseführer, Kinderbücher, Romane, Kochbücher, Aufgabensammlungen für Schüler, Biographien, Geschenkbände usw. bereithält. Das allgemeine Sortiment verfügt dagegen bei der juristischen Literatur nur über eine geringe Sortimentstiefe, hat also nur wenige verschiedene juristische Titel am Lager.

Bedenkt man, daß Bibliotheken in kleinen und mittleren Städten im allgemeinen eine größere Sortimentsbreite, aber meistens eine geringere Sortimentstiefe bieten als Buchhandlungen derselben Städte, so wird deutlich, daß der Besuch in Fachgeschäften kein geeignetes Instrument zur Information über Neuerscheinungen ist, wenn die Bibliothek ihren öffentlichen Auftrag ernst nimmt.

Der Besuch in Fachgeschäften ist nur da sinnvoll und lohnend, wo keine überlegenen Marktsichtungsinstrumente zur Verfügung stehen. Das ist insbesondere der Fall auf den folgenden Gebieten:

4.2 Passiver Besuch durch Vertreter

Der passive Besuch durch Vertreter - das heißt, Vertreter der Verlage besuchen die Abnehmer - ist für Sortimentsbuchhandlungen die wichtigste Informationsquelle über Neuerscheinungen. Im allgemeinen zweimal im Jahr besuchen die Verlagsvertreter Sortimentsbuchhandlungen, stellen die Neuerscheinungen ihrer Verlage vor, informieren über die beabsichtigte Werbung der Verlage, nehmen die Bestellungen der Sortimentsbuchhandlungen entgegen und verhandeln über Liefer- Zahlungs- und Remissionsbedingungen, hören sich auch Reaktionen der Buchhändler auf das seitherige Programm an, damit der Verlag zukünftig noch marktgerechter planen und werben kann.

Vertreter von Schulbuchverlagen besuchen mitunter auch Schulen. Der Besuch von Verlagsvertretern in öffentlichen Bibliotheken ist mehr oder minder nie anzutreffen, weil

 

Die mangelnde Eignung dieses Instruments wird auch deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß in den drei deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und Schweiz rund 1.200 Verlagsvertreter (die i.d.R. regional tätig sind) etwa 1.300 Verlage vertreten(65), während die Zahl der für Öffentliche Bibliotheken relevanten Verlage 3.000 bis 4.000 beträgt.

Vereinzelt besuchen Vertreter von Versandbuchhandlungen Bibliotheken. Im Mittelpunkt steht dabei ein sonst schwer verkäufliches Marktsegment, das aber nicht selten mit penetranter persönlcher Energie der Vertreter in den Markt gedrückt werden soll:

 

Vereinzelt sind günstige Käufe möglich, im allgemeinen stehen indessen der Zeitaufwand und die geringe Ausbeute an lohnenden Erwerbungen nicht in einem sinnvollen Verhältnis.

Eine Reihe von Versandbuchhandlungen hat sich auf Marktsegmente spezialisiert, die für einige Bibliotheken interessant, aber durch die allgemeinen Sortimente mangelhaft abgedeckt sind, vor allem fremdsprachige Literatur. Hier kann es lohnend sein, Informationsmaterial anzufordern und nach gründlicher Vorbereitung um einen Vertreterbesuch zu bitten.

4.3 Titeldienste, Besprechungsdienste, werbliche Dienste

Es handelt sich um Informationsdienstleistungen in schriftlicher Form, meist gedruckt, teilweise maschinenlesbar, die die Bibliothek fallweise anfordert oder abonniert. Diese Informationsdienstleistungen sind gegenüber dem aktiven Besuch in Fachgeschäften und dem passiven Vertreterbesuch

 

Sie sind daher die überlegene und am meisten verbreitete Art von Marktbeobachtungsinstrumenten in Bibliotheken. Man unterscheidet Titeldienste, Besprechungsdienste und werbliche Dienste.

4.4 Arten von Besprechungen

Buchbesprechungen informieren über eine mehr oder minder eingegrenzte Auswahl der folgenden Aspekte:

  1. die Publikationsform (Monographie, Reihentitel, Loseblattwerk, Neuauflage, Neuausgabe usw.),
  2. die äußere Form (Taschenbuch, Hardcover, Ringbuch, Schrift, Satzspiegel, Papierart, Umfang usw.),
  3. Preis und Preiswürdigkeit,
  4. das Profil der Verlags,
  5. Bedeutung und Ruf der Urheber aufgrund früherer Veröffentlichungen und ihrer Funktionen,
  6. Thema, Sujet, Fragestellung, Zielsetzungen, Hypothesen, inhaltliche Thesen und Details, Ergebnisse und Schlußfolgerungen,
  7. Berücksichtigung des Wissensstandes, philosophische und weltanschauliche Voraussetzungen, Methoden,
  8. gesellschaftliche, ästhetische, pädagogische Normen und Werte,
  9. Aufbau, Gliederung, Erschließung, Apparat,
  10. Präsentationsformen und Ausstattung (Text, Illustrationen, Tabellen, graphische Darstellungen, Beilagen wie z.B. ein Lösungsheft, eine CD-ROM usw.),
  11. didaktische Aspekte (Autoreferenzen, Übungsaufgaben ...),
  12. Schwierigkeitsgrad, Voraussetzungen beim Rezipienten,
  13. Sprache, Stil, Textsorten, literarische Formen, ästhetische Strukturen,
  14. Literaturhinweise, Bibliographie,
  15. Zielgruppen, bei Kinderliteratur und -medien: Alterseignung,
  16. Verwendungsmöglichkeiten,
  17. Einordnung in den fachlichen, literarischen, methodischen und Verwendungszusammenhang,
  18. Vergleich mit ähnlichen Veröffentlichungen,
  19. Vermarktungsstrategie des Verlags bzw. des Vertreibers,
  20. bereits erfolgte Reaktionen auf die Veröffentlichung, z.B. Aufnahme aufgrund der Erstveröffentlichung, wenn es sich um eine Neuauflage oder eine Erstübersetzung handelt,
  21. zusammenfassende Bewertung.

 

Je nach der Art der Auswahl, dem Zweck und Adressaten der Besprechung unterscheidet man vier Arten: das dokumentarische Inhaltsreferat, die feuilletonistische Kritik, die wissenschaftliche Rezension und die bibliothekarische Begutachtung. Lediglich das dokumentarische Inhaltsreferat ist in starkem Maße standardisiert.

4.4.1 Dokumentarisches Inhaltsreferat

Das dokumentarische Inhaltsreferat entstand aus dem Bedürfnis, in Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Planung und Rechtsprechung die unübersehbar gewordene Fülle an Fachinformation durch Informationsverdichtung besser zugänglich zu machen. Dem gezielten Wiederauffinden von Information, hauptsächlich in elektronischen Datenbanken, dienen Schlagwörter (Deskriptoren) und Klassifikationen. Damit der Verwender prüfen kann, ob die anhand der Deskriptoren oder der Klassifikation gefundenen Artikel-, zum geringeren Teil auch Buchnachweise für ihn geeignet sind, wird der Inhalt der Artikel, Bücher, Patente, Amtsdrucksachen usw. zusammengefaßt wiedergegeben. Man unterscheidet nach DIN 1426 folgende Typen von Inhaltskondensaten:

 

Relevant im Dokumentationswesen ist vor allem das Kurzreferat in seinen verschiedenen Formen. Für seine Erstellung legt DIN 1426 Regeln fest, damit die Informationsverdichtung in objektiver Weise, unabhängig von Kenntnisstand und Formulierungslust des Dokumentars, erfolgt, was freilich nur eingeschränkt erreichbar ist. Kurzreferate müssen folgende Kriterien erfüllen:

Durch Anwendung von Erkenntnissen der Textlinguistik will man die intellektuelle Tätigkeit des Abstracting optimieren. Verfahren der Künstlichen Intelligenz, bei der vorhandenes Wissen durch Rechner mit den Inhalten neuer Dokumente verglichen wird, sollen automatisches Abstracting möglich machen.

 

Gegenstand dokumentarischer Inhaltsreferate sind entgegen der üblicherweise angeführten Definition, wonach sich die Dokumentation mit dem Erschließen und Nutzbarmachen von Dokumenten aller Art befaßt, nahezu ausschließlich wissenschaftliche und Fachveröffentlichungen für die professionelle Verwendung. Populäre Veröffentlichungen, seien es Kochbücher, Gesundheitsratgeber, Artikel in Illustrierten, Kinderliteratur oder Broschüren zur Verbraucherinformation sind zwar teilweise bibliographisch erschlossen, aber fast nie Gegenstand dokumentarischer Inhaltsreferate. Damit ist der völlig periphere Wert dokumentarischer Inhaltsreferate für den Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken deutlich geworden.

4.4.2 Feuilletonistische Kritik

Ursprünglich hatte die Literaturkritik in Zeitschriften und Zeitungen, als sie im 17. und 18. Jahrhundert im Zusammenhang der Aufklärung entstand, die Funktion eines öffentlichen Räsonnements über literarische Wertmaßstäbe und Werke. Dieser Aufgabe wird die Literaturkritik in den Massenmedien heute kaum noch gerecht; teils steht die Unterhaltungsfunktion des Feuilletons, auch dort, wo es Buchbesprechungen enthält, im Vordergrund, teils ist seine Funktion uneinheitlich und unklar. Die Buchbesprechungen in Lokal- und Regionalzeitungen haben vor allem die Funktion eines redaktionellen Seitenfüllers, wenn die Seiten durch wichtigere Beiträge nicht ganz gefüllt werden konnten oder damit umgekehrt die Zeitungsseiten nicht ausschließlich durch Inserate gefüllt werden sollen. In überregionalen Zeitungen und in Zeitschriften sind Buchkritiken durch Beliebigkeit und Subjektivität des Urteils gekennzeichnet; in zahlreichen Fällen enthalten sie nicht einmal die grundlegendste Information über das besprochene Werk, nämlich eine hinreichende Objektbeschreibung (Verfasser, Titel, Verlag, Preis oder weitere bibliographische Daten) und eine angemessene Inhaltsangabe.

Die Essayistin Barbara Sichtermann(66) beklagte 1996 die schleichende Verlagerung der Aufmerksamkeit im Publikum vom Werk auf dessen Kritik, ... so daß die Inszenierungen der Kritik mehr Raum und Interesse beanspruchen als die Werke, die sie kritisiert. ... Die Kritik ist inzwischen so ahnungslos (häufig), ungeduldig (meistens), apodiktisch (gerne) und selbstverliebt (immer öfter), daß man regelrecht riecht, wonach ihr der Sinn steht, wie gerne sie diesen letzten Klotz an ihrem Bein los wäre: das Buch und die Nötigung, es zu lesen.

In einem Gespräch mit der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel brachten 1994 die drei Schriftsteller Irene Dische, Jens Sparschuh und Michael Wildenhain ihr Unbehagen an der Literaturkritik auf den Punkt(67):

Die Literaturkritiker wechseln so unter der Hand ganz flink die Positionen, und dann wird unkenntlich, daß es ja eigentlich doch des Kritikers persönliche Meinung ist. Es würde nur helfen, und es hilft auch dem Autor, wenn ein Kritiker argumentative Zusammenhänge anführt. Wenn er selbst einen Text konstituiert, mit dem man etwas anfangen kann (Jens Sparschuh). Viel wesentlicher ist, daß es im Prinzip keine irgendwie geartete verbindliche, an Kategorien orientierte Auseinandersetzung über Literatur, Ästhetiken, politische Gehalte gibt. Diese Auseinandersetzung ist längst abgebrochen und daher gibt es eben tatsächlich die Privatmeinung (Michael Wildenhain). Ich meine, die Kritik hat eine unglaubliche Macht doch nur an der untersten Ebene. Wenn man an einen bestimmten Punkt gekommen ist, nicht mehr. Günter Grass wird seine Bücher immer verkaufen. Es gibt Leute, die irgendwann unabhängig sind, da kann man sagen, was man will. Und dann finde ich es eine Verschwendung, daß die großen Kritiker sich konzentrieren auf die sogenannten großen Schriftsteller. Da braucht man doch gar nichts zu sagen (Irene Dische).

Die feuilletonistische Buchkritik ist deshalb zwar für das Bibliothekspersonal wie für jeden aufgeweckten Zeitgenossen, der am kulturellen Leben teilnehmen möchte, eine anregende Quelle. Für den Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken liefert die Buchkritik in Zeitungen und Zeitschriften nur einen allgemein orientierenden Hintergrund.

4.4.3 Wissenschaftliche Rezension

Die wissenschaftliche Rezension ähnelt der kritischen Variante des dokumentarischen Inhaltsreferats: Sie stellt Fragestellung und Ziel des rezensierten Werkes dar, stellt knapp den Inhalt vor und mißt die Ergebnisse an den Fragestellungen. Darüber hinaus ordnet sie das rezensierte Werk in den wissenschaftlichen Zusammenhang ein und setzt sich differenziert mit den wesentlichen Ergebnissen auseinander. Zitate aus dem Werk oder aus anderen Werken sind belegt. Absicht der wissenschaftlichen Rezension ist es, die erreichten Arbeitsergebnisse kritisch zu reflektieren, das rezensierte Werk auf diesem Hintergrund zu würdigen und im besten Fall der wissenschaftlichen Forschung neue Erkenntnisse und offene Fragen auf den Weg zu geben.

Die Domäne der wissenschaftlichen Rezension sind die Geistes- und Sozialwissenschaften; ihr Gegenstand sind vor allem Bücher, weniger häufig Zeitschriftenartikel. Wissenschaftliche Renzensionen erscheinen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften und in Rezensionsorganen; Rezensionsorgane sind Zeitschriften, die nur aus wissenschaftlichen Rezensionen bestehen.

Für den Bestandsaufbau an öffentlichen Bibliotheken sind wissenschaftliche Rezensionen von stark untergeordneter Bedeutung.

4.4.4 Bibliothekarische Begutachtung

Die bibliothekarische Begutachtung ist eine Besprechung, die das Bibliothekspersonal

  1. in die Lage versetzen soll, die Auswahlentscheidung mit Bezug auf Nachfrage und vorhandenen Bestand zu treffen,
  2. mit Blick auf die Auskunfts- und Beratungstätigkeit weiterqualifizieren soll.

Besonders wichtig sind deshalb in der Begutachtung Aussagen über die folgenden Aspekte:

 

Insgesamt sind bibliothekarische Begutachtungen wenig normiert, freilich sind auch die Qualitätserwartungen der Abnehmer unterschiedlich.

4.5 Bibliothekarische Anforderungen an Informationsdienste zur Beobachtung des Buchmarktes

Über die im vorangehenden Abschnitt 4.4 genannten inhaltlichen Aspekte der bibliothekarischen Begutachtung hinaus müssen Informationsdienste, die über Neuerscheinungen informieren, noch eine Reihe weiterer Anforderungen erfüllen, damit sie für die bibliothekarischen Zwecke des Bestandsaufbaus optimal geeignet sind. Sie müssen nicht nur hinsichtlich der inhaltlichen Aussagen in den Begutachtungen, sondern auch im Umfang und in der äußeren Form optimal geeignet sein. Im Umfang dürfen sie weder zu schmal sein, weil die Bibliothek dann keine ausreichende Anzahl geeigneter Titel vorfände, noch dürfen sie zu titelreich sein, weil das Durchmustern einer unnötig großen Zahl von Besprechungen unnötig viel Arbeitszeit bindet. Von ihrer äußeren Form her müssen sie sich in die organisatorischen Abläufe der Bibliothek günstig und arbeitssparend einpassen lassen, indem sie beispielsweise das geeignete Datenformat für die elektronische Datenverarbeitung der Bibliothek haben. Im einzelnen lassen sich die Anforderungen folgendermaßen darstellen:

4.5.1 In welchem Maß sind überflüssige Titel enthalten?

Diese Frage hat einen organisatorischen und einen psychologischen Aspekt.

Der organisatorische Aspekt bezieht sich auf die Arbeitskapazität: Je mehr Titel die für Bestandsaufbau zuständigen Bibliothekare durchmustern müssen, desto mehr Zeit brauchen sie. Zielstellung ist also, ein Marktsichtungsinstrument zu finden, das möglichst wenige Titel über den Bedarf der eigenen Bibliothek hinaus enthält. Der psychologische Aspekt berücksichtigt die Wirkung bezüglich der Arbeitsmotivation, wenn Bibliothekare in erheblichem Maß Titel durchmustern, die sie doch nicht erwerben wollen, weil sie für die eigene Bibliothek nicht geeignet sind, oder nicht erwerben können, weil sie zwar geeignet sind, aber die Bibliothek nicht die erforderlichen Mittel hat. Vor allem im zweiten Fall wären die mit Bestandsaufbau befaßten Bibliothekare ununterbrochen mit den Folgen eines mangelhaften Erwerbungsetats konfrontiert - und bald frustriert. Zu den überflüssigen Titeln gehören auch retrospektive Titel, wenn diese die Bibliothek nicht interessieren.

4.5.2 In welchem Maß sind Dubletten enthalten?

Bei konsistenter Arbeitsweise, so müßte man erwarten, führt eine wiederholte Meldung desselben Titels, vielleicht mit einigem zeitlichem Abstand, erneut zu einer positiven Auswahlentscheidung, die dann bei der Vorakzession entdeckt und rückgängig gemacht wird, oder sie führt zu erneuter Ablehnung. In jedem Fall erzeugen Dubletten in einem Marktsichtungsinstrument überflüssige Doppelarbeit. Enthält ein Marktsichtungsinstrument keine Dubletten und verwendet die Bibliothek ganz oder fast ausschließlich dieses Marktsichtungsinstrument, so kann sie gegebenenfalls auf die Führung einer Bestellkartei verzichten.

4.5.3 In welchem Maß fehlen erforderliche aktuelle Titel?

Für einen Vergleich verschiedener Dienste unter dem Aspekt der fehlenden Titel wird sich die Bibliothek der Mühe unterziehen müssen, etwa ein Vierteljahr lang die Dienste parallel durchzusehen - oder sie verläßt sich auf Aussagen von Kollegen, die mit dem anderen Dienst Erfahrungen haben. Das Fehlen retrospektiver Titel wird nicht in dieser Kategorie, sondern in der Kategorie Retrospektive Titelinformation erfaßt.

4.5.4 Aktualität im Durchschnitt

Hier geht es um eine Aussage, wie aktuell das betreffende Marktsichtungsinstrument in Bezug auf den Bedarf der Bibliothek ist. Eine pauschale Einschätzung wird genügen. Ausschlaggebend ist nicht die Aktualität bezogen auf die Erscheinungsweise des Dienstes, sondern bezogen auf den Zeitpunkt, zu dem der betreffende Dienst bei seiner konkreten Verwendung in der Bibliothek den zuständigen Sachbearbeiter erreicht. Bei Umläufen ist vom letzten Sachbearbeiter auszugehen, weil dieser das Tempo des ganzen Vorgangs bestimmt.

4.5.5 Kosten für das Abo

Ein Teil der nicht-bibliothekarischen Quellen zur Sichtung der Neuerscheinungen und alle bibliothekarischen Quellen verursachen Kosten; meistens müssen die Dienste abonniert werden. Günstige Kosten eine Anforderung an einen Dienst, der zum Bestandsaufbau geeignet sein soll.

4.5.6 Retrospektive Titelinformation

Einige Marktsichtungsinstrumente enthalten auch früher erschienene Titel. Während dies von den meisten Bibliotheken als störend eingestuft wird, schätzen andere Bibliotheken gerade diese Angaben, wenn nämlich in der Vergangenheit kein kontinuierlicher Bestandsaufbau möglich war.

4.5.7 Löschvermerke

Öffentliche Bibliotheken nehmen im allgemeinen keine Archivfunktion wahr, sondern wollen einen aktuellen Bestand ohne inhaltlich veraltete Titel anbieten. Löschvermerke etwa darüber, wieweit bei Erscheinen einer neuen Auflage die älteren Auflagen aus dem Bestand genommen werden müssen oder weiterhin brauchbar sind, sind deshalb von essentieller Bedeutung. Sie nehmen der Bibliothek in besonderem Maß Arbeit ab, die sonst für Prüfung und Vergleiche aufgewendet werden müßte.

4.5.8 Vergleichstitel

Zu nahezu jedem Titel gibt es Vergleichstitel, die sich vielleicht inhaltlich geringfügig, vielleicht eher in der Darstellung, womöglich im Preis unterscheiden. Die für öffentliche Bibliotheken leistbare Auswahl ist in der Regel beschränkt, so daß von zahlreichen Vergleichstiteln nicht jeder gekauft werden kann. Der Hinweis auf Vergleichstitel erleichtert beträchtlich die Arbeit des Lektors.

4.5.9 Tauglichkeit der Begutachtung

Die Nennung von Vergleichstiteln und Löschvermerken ist bereits ein spezieller Teil einer qualifizierten Begutachtung. Unabhängig davon wird die Bibliothek von einem Marktsichtungsinstrument erwarten, daß sie über die formalbibliographischen und allfällig inhaltserschließenden Angaben hinaus Aussagen über den Inhalt des Werkes erhält, anhand von denen die Bibliothekare entscheiden können, ob dieses Werk auf einen Bedarf treffen wird(68). Das betrifft Aussagen über Zielgruppe des Werke, die Bedeutung des Autors und seinen Blickwinkel, die Darstellungsart, die inhaltliche Ein- und Abgrenzung des Themas, Umfang und Qualität der Illustrationen u.a.m. Insbesondere bei der Kinder- und Jugendliteratur, bei der Belletristik und bei populären Sachbüchern, mit Einschränkung auch bei Ratgebern und Reiseführern reicht die formalbibliographische Beschreibung bei weitem nicht aus, um zu einer Entscheidung zu kommen, auch wenn Umfangs- und Verlagsangabe sowie die Reihe wesentliche Hinweise geben.

4.5.10 Anschaffungsvermerk

Die inhaltlichen Aussagen können in einem Anschaffungsvermerk in standardisierter Weise zusammengefaßt werden, der benennt, für welchen Typ und für welche Größenordnung von öffentlicher Bibliothek der Titel besonders geeignet ist (Schulbibliothek, ausgebaute Bestände in Zentralbibliotheken von Großstädten usw.).

4.5.11 Verwendbare Titelaufnahmen

Hiermit ist gemeint, ob das Marktsichtungsinstrument nicht nur Titelangaben, sondern Titelaufnahmen enthält, die die Bibliothek dem Umfang und dem zugrunde liegenden Regelwerk nach mehr oder minder gut verwenden könnte, im Idealfall unverändert als Fremdleistung übernehmen. Wenige öffentliche Bibliotheken sind Verbünden angeschlossen, die überwiegende Zahl führt noch immer konventionelle Zettelkataloge. Beides führt dazu, daß die Ansprüche an die Titelaufnahmen begrenzt sind. Kataloge werden - besonders in kleineren öffentlichen Bibliotheken - pragmatisch als lokales Finde-Instrument begriffen, zu deren Erstellung der Arbeitsaufwand niedrig gehalten werden muß, weil andere Dienstleistungen für die Benutzer wichtiger sind. Hier muß die Bibliothek die Frage beantworten, wieweit sie in den Marktsichtungsinstrumenten enthaltene Titelaufnahmen oder etwas in dieser Art als problemlos verwendbar einstuft, als völlig ungeeignet betrachtet, in den meisten Fällen akzeptiert, aber vereinzelt doch eigene Katalogisate erstellt usw.

4.5.12 Verwendbare Klassifikation

Hier gilt Ähnliches wie bei den Titelaufnahmen: Eine mit dem Marktsichtungsinstrument gelieferte Klassifikationsangabe kann, wenn sie dem genauen Bedarf der Bibliothek entspricht, das Klassifizieren in der eigenen Bibliothek ersparen. Vor allem ist die bereits vor der Bestellung vorhandene Klassifikationsangabe die Grundlage für zahlreiche weitere Rationalisierungsvorteile: Die Bestellung bei einem Lieferanten, der die Bücher bereits mit Signaturschild liefert; Übernahme der Klassifikation in das Katalogisat; nach Lieferung kann auf die bibliothekarische Bearbeitung zur Vergabe der Klassifikationangaben verzichtet werden u.a.m.

4.5.13 Verwendbare Schlagwörter

Dasselbe gilt, wenn das Marktsichtungsinstrument auch bereits die Schlagwörter sowie ggf. weitere verbale Erschließungsinstrumente wie etwa Interessenkreisbegriffe(69) angibt.

4.5.14 Verwendbarkeit als Bestellunterlage

Das Marktsichtungsinstrument ist dann als Bestellunterlage verwendbar, wenn die physische Form und die Erscheinungsweise - z.B. Titelkarten, Einzelzettel, Bestellisten usw., die nur angekreuzt, ergänzt, kopiert oder im Fall maschinenlesbarer Daten in das eigene integrierte EDV-System übernommen und nach Selektion mittels DFÜ an den Lieferanten gesendet werden - es unnötig machen, daß die Bibliothek ihrerseits die Titelangaben in eine als Bestellunterlage geeignete Form bringt, indem sie sie beispielsweise in einen PC erfaßt und Bestellzettel ausdruckt. Hier wird ein und dasselbe Marktsichtungsinstrument je nach den technischen und organisatorischen Voraussetzungen der Bibliotheken sehr verschieden bewertet werden. So führen zwar die meisten konventionell arbeitenden Bibliotheken eine Bestellkartei, doch einige Bibliothek stellen Bestellzettel im Katalogkartenformat in den Alphabetischen Katalog ein, andere öffentliche Bibliotheken, besonders die kleinen, verzichten auf die Bestellkartei.

4.5.15 Verwendbarkeit als Titelaufnahme

Mit der Unterscheidung von "verwendbare Titelaufnahme" und "Verwendbarkeit als Titelaufnahme" ist folgendes gemeint: Eine verwendbare Titelaufnahme hat der betreffende Dienst, wenn die Angaben dem Umfang und dem Inhalt nach mehr oder minder dem entsprechen, was die Bibliothek für ihre Kataloge braucht. Mit "Verwendbarkeit als Titelaufnahme" soll dagegen bewertet werden, wie umständlich oder wie leicht es ist, diese Angaben auf den für die Bibliothek benötigten Träger zu bekommen, indem sich z.B. die Titelaufnahmen vom Marktsichtungsinstrument in standardisierter Weise abkopieren oder in das eigene EDV-System einspielen lassen. Die Vorteile eines Marktsichtungsinstruments, das sich zugleich als Titelaufnahmedienst verwenden läßt, liegen auf der Hand.

4.5.16 Verwendbarkeit als Inhaltsbeschreibung für Benutzer

In öffentlichen Bibliotheken wird häufig gewünscht, daß der Benutzer am Buch im Freihandregal eine Inhaltsbeschreibung findet. Hierzu kann der Waschzettel des Schutzumschlag verwendet werden. Besser wäre eine neutrale Information, die in der mit dem Marktsichtungsinstrument gelieferten Begutachtung bestehen kann. Voraussetzung ist die Eignung im Inhalt, in der Darstellung (z.B. sind eine Fülle verschlüsselter Angaben für diesen Zweck nicht brauchbar) und in der physischen Form (z.B. zum Einkleben geeignete Zettel im entsprechenden Format).

4.5.17 Verwendbarkeit als Laufzettel im Geschäftsgang

Auch hier werden verschiedene öffentliche Bibliotheken dieselben Eigenschaften eines Marktsichtungsinstruments außerordentlich verschieden bewerten: Die eine Bibliothek verwendet gar keine Laufzettel, eine andere ihre eigenen, alle Arbeitsstationen auflistenden Laufzettel usw. In den meisten Fällen geht es lediglich um den Transport grundlegender Informationen z.B. über die Zuordnung von Mehrfachexemplaren zu Zweigbibliotheken. Die zur Bewertung anstehende Frage ist also, wieweit das betreffende Marktsichtungsinstrument aufgrund seines physischen Eigenschaften - Papierformat, freier Rand usw. - für diesen Zweck eingesetzt werden kann.

4.5.18 Abbildung von Covern

Die mit Bestandsaufbau in öffentlichen Bibliotheken befaßten Mitarbeiter wünschen mitunter, daß sie das Cover der Neuerscheinung sehen, bevor sie die Erwerbungsentscheidung treffen. Diese wird teilweise von der Covergestaltung abhängig gemacht. Dahinter steht die aus der Praxis des Buchhandels übertragene Auffassung, daß eine Einheit mit attraktivem Cover eher gekauft bzw. ausgeliehen wird als eine Einheit mit langweiligem Cover. Freilich gilt dies nicht für alle Bereiche. Besonders wichtig ist die Covergestaltung bei Belletristik und bei Kinder- und Jugendbüchern, auch bei populären Sachbüchern, bei Tonträgern, populären CD-Roms und bei Videos, kaum bei Fachbüchern.

Gegen dieses Bewertungskriterium mag man einwenden, daß seine Anwendung bedeutet, die auswählenden Bibliothekare wollten ihr subjektives Geschmacksurteil höher werten als die auf Marketing-Erfahrungen gegründeten Ausstattungsentscheidungen der Verlage. Wie dem auch sei - bei dem hier dargestellten Verfahren geht es darum, die Nützlichkeit eines Marktbeobachtungsinstruments für die betreffende Bibliothek unter den Gesichtspunkten dieser Bibliothek zu bewerten. Es geht bei dem hier vorgestellten Verfahren nicht darum, die Maßstäbe der Bibliothek zu bewerten.

Die hier vergebene Bewertung soll zum Ausdruck bringen, in welchem Umfang Cover in dem betreffenden Marktsichtungsinstrument abgebildet werden, im Verhältnis zum gewünschten Umfang. Wird die Coverabbildung für unnötig gehalten, so wird dieser Punkt nicht in die Betrachtung mit einbezogen.

4.5.19 Information über Vermarktungsstrategien

Der Verkaufserfolg eines Titels - und in der Folge der Ausleiherfolg dieses Titels in der Bibliothek - hängt nicht nur vom konkreten Bedarf, auf den der Titel trifft, ab, sondern in den Fällen eines wenig gerichteten, nur allgemein nach beispielsweise Unterhaltung eines bestimmten Stils suchenden Bedarfs zu einem erheblichen Teil von der Vermarktungsstrategie des Herstellers.

Hier geht es etwa um folgende Fragen:

Bibliotheken, die ihre Erwerbungs- oder auch nur Staffelungsentscheidung von solchen Umfeldern abhängig machen, erwarten eine entsprechende Information in den Marktsichtungsinstrumenten.

4.5.20 Arbeitszufriedenheit

Hier wird das betreffende Marktsichtungsinstrument unter dem Gesichtspunkt benotet, wieviel Arbeitszufriedenheit seine Auswertung den damit befaßten Mitarbeitern gibt.  

Ein Aspekt dieser Frage ist bereits in Kriterium In welchem Maß sind überflüssige Titel enthalten? mit behandelt, dort jedoch unter objektiver Fragestellung. Hier geht es um die subjektive Einschätzung der mit der Benutzung des betreffenden Marktsichtungsinstrumentes verbundenen Arbeitszufriedenheit durch die Mitarbeiter.

Gewiß kann es zu Widersprüchen kommen, etwa wenn die Mitarbeiter ein höchst uneffizientes Instrument aus Gewohnheit oder wegen seines Unterhaltungswerts besonders schätzen. Die Bibliothek muß dann entscheiden, wieweit sie solche Kriterien in den Entscheidungsalgorithmus überhaupt einfließen lassen will.

4.5.21 Arbeitsaufwand

Hier geht es um die Benotung der Zeitdauer, die die Verwendung des betreffenden Marktsichtungsinstruments erfordert. Auch die Umständlichkeit seiner Handhabung kann in die Bewertung eingehen.

Wie beim Kriterium Arbeitszufriedenheit ist dieses Kriterium bereits in dem Kriterium Überflüssige Titel enthalten, freilich in anderer Weise. Hier geht es tatsächlich um die möglichst gemessenen Arbeitszeiten, die bei Verwendung der zu bewertenden Marktbeobachtungsinstrumente erforderlich sind. Je rascher das betreffende Instrument durchgemustert werden kann, desto höher ist hier seine Bewertung.

Dagegen mag man einwenden, daß nach diesem Kriterium die am wenigsten umfangreichen Instrumente allein aufgrund ihres geringen Umfangs im Vorteil wären. Das ist jedoch nicht der Fall. Ein titelreicher, jedoch übersichtlich und standardisiert dargebrachter Dienst läßt sich schneller durcharbeiten als mancher im Titelvolumen kümmerliche Dienst, der seine Informationen jedoch ungeordnet und schwer zugänglich präsentiert, sei es in Layout oder Sprache.

4.6 Verwendung mehrerer Dienste

Nun geht es darum, mehrere Dienste unter den im vorangegangenen Kapitel 4.5 behandelten Gesichtspunkten zu vergleichen. Dabei können zwei Verfahren angewendet werden. Das erste Verfahren ist ein Auswahlverfahren. Es richtet sich darauf, unter den verschiedenen Diensten denjenigen zu finden, der am besten für die eigene Bibliothek geeignet ist. Das zweite Verfahren ist ein Ergänzungsverfahren. Sein Ziel ist es, die Schwächen des am besten geeigneten Dienstes herauszufinden und diese Schwäche durch den punktuellen Einsatz weiterer Dienste auszugleichen. Bei der Wahl von Marktsichtungsinstrumenten wird erst das Auswahlverfahren und dann das Ergänzungsverfahren angewendet.

4.6.1 Auswahlverfahren

Für das Auswahlverfahren bietet sich die Nutzwertanalyse als geeignete Methode an. Der Nutzen wird als dimensionslose Zahl, ähnlich wie Schulnoten, erfaßt. Dabei wird eine Vielzahl von einzelnen Aspekten des Nutzens erfaßt, und diese Aspekte werden wiederum einzeln gewichtet. Das Verfahren ist in der DIN-Norm 69 910 dargestellt. Die einzelnen Aspekte des Nutzens lassen sich im Sinn der bibliothekarischen Anforderungen an Marktsichtungsinstrumente, wie sie im Kapitel 4.5 dargestellt wurden, verstehen.

Im Sinn der Nutzwertanalyse werden verschiedene Marktsichtungsinstrumente in Tabellen wie den folgenden gegenübergestellt.

In einem ersten Schritt (Tabelle 3) werden die Eigenschaften (Ausprägungen der Anforderungen) der in Frage kommenden Marktsichtungsinstrumente vergleichend skaliert; es werden Skalenwerte von -3 (stark negativer Wert) über 0 bis +3 (stark positiver Wert) verwendet. Derjenige Dienst, der die betreffende Anforderung optimal erfüllt, wird mit dem höchsten Skalenwert benotet; den niedrigsten Skalenwert für die betreffende Anforderung erhält derjenige Dienst, der diese Anforderung am schlechtesten erfüllt. Im Interesse einer klaren Vergleichbarkeit sollten in jeder Zeile möglichst viele verschiedene Skalenwerte Verwendung finden. So erhält beispielsweise in Tabelle 3, Zeile 5 (Kosten für das Abo) der billigste Dienst die Note +3 und der teuerste Dienst die Note -3. Oder in Zeile 21 derselben Tabelle wird der Dienst, dessen Durchsicht den höchsten Zeitaufwand erfordert, mit -3 bewertet, während derjenige Dienst, der sich am schnellsten durchmustern läßt, die Note +3 bekommt. Die Bibliothek listet in den Spalten alle in Frage kommenden Marktsichtungsinstrumente, soweit diese vergleichend bewertet werden sollen. Vergleichend bewerten kann man untereinander die Marktsichtungsinstrumente für den deutschsprachigen Buchmarkt. Ebenfalls nur untereinander kann man vergleichen Informationsquellen für die fremdsprachigen Buchmärkte, für den Tonträgermarkt usw. In einem ersten Durchgang des Verfahrens werden also alle Marktsichtungsinstrumente für den deutschsprachigen Buchmarkt, in einem zweiten Durchgang alle Marktsichtungsinstrumente für den Tonträgermarkt usw. der Bewertung unterzogen.

Tabelle 3 Nutzwertanalyse: Skalierung der Nutzwerte
 

Kleiner

ID

Börsenblatt

DNB-

ÖB-Auswahl

Buchreport

Versandbuch-

handlung

usw.

1. In welchem Maß sind überflüssige Titel enthalten?
2. In welchem Maß sind Dubletten enthalten?
3. In welchem Maß fehlen erforderliche aktuelle Titel?
4. Aktualität im Durchschnitt
5. Kosten für das Abo
6. Retrospektive Titelinformation
7. Löschvermerke
8 Vergleichstitel
9. Tauglichkeit der Begutachtung
10. Anschaffungsvermerk
11. Verwendbare Titelaufnahmen
12. Verwendbare Klassifikation
13. Verwendbare Schlagwörter
14. Verwendbarkeit als Bestellunterlage
15. Verwendbarkeit als Titelaufnahme
16. Verwendbarkeit als Inhaltsbeschreibung für Benutzer
17. Verwendbarkeit als Laufzettel im Geschäftsgang
18. Wieweit sind Cover abgebildet?
19. Wieweit werden Vermarktungsstrategien deutlich?
20. Bedeutung für die Arbeitszufriedenheit?
21. Arbeitsaufwand für die Durchsicht

 

In einem zweiten Schritt (Tabelle 4) wird die Bedeutung jeder einzelnen Anforderung - unabhängig von ihrer Bewertung für jedes einzelne Marktsichtungsinstrument - gewichtet. Die Skala reicht hier von 1 = geringe Bedeutung bis 3 = große Bedeutung. Eigenschaften, die überhaupt keine Bedeutung haben, werden gar nicht erst in der Tabelle berücksichtigt. Z.B. könnte eine Bibliothek mit sehr knappem Etat die Kosten für das Abo mit 3 bewerten, weil für sie der Preis ein besonders wichtiges Kriterium ist; oder eine Bibliothek, die seit Jahren kontinuierlich guten Bestandsaufbau macht, wird die retrospektive Titelinformation nur mit 1 bewerten, weil sie diese Information wenig braucht.

 

Tabelle 4 Nutzwertanalyse: Gewichtungsfaktoren
 

Gewichtungsfaktor

1. In welchem Maß sind überflüssige Titel enthalten?
2. In welchem Maß sind Dubletten enthalten?
3. In welchem Maß fehlen erforderliche aktuelle Titel?
4. Aktualität im Durchschnitt
5. Kosten für das Abo
6. Retrospektive Titelinformation
7. Löschvermerke
8 Vergleichstitel
9. Tauglichkeit der Begutachtung
10. Anschaffungsvermerk
11. Verwendbare Titelaufnahmen
12. Verwendbare Klassifikation
13. Verwendbare Schlagwörter
14. Verwendbarkeit als Bestellunterlage
15. Verwendbarkeit als Titelaufnahme
16. Verwendbarkeit als Inhaltsbeschreibung für Benutzer
17. Verwendbarkeit als Laufzettel im Geschäftsgang
18. Wieweit sind Cover abgebildet?
19. Wieweit werden Vermarktungsstrategien deutlich?
20. Bedeutung für die Arbeitszufriedenheit?
21. Arbeitsaufwand für die Durchsicht

In einem dritten Schritt (Tabelle 5) werden die beiden Tabellen für jedes einzelne Marktsichtungsinstrument zusammengefügt, und die Nutzwertanalyse wird durchgerechnet. Die Gewichtungsfaktoren müssen für jedes Marktsichtungsinstrument bei jeder Eigenschaft gleich sein; nur die Skalenwerte unterscheiden sich von Marktsichtungsinstrument zu Marktsichtungsinstrument gemäß der ersten Tabelle. Hier braucht man für jedes Marktsichtungsinstrument eine neue Tabelle.

Tabelle 5 Nutzwertanalyse: Ermittlung der Nutzwerte

Nutzwertanalyse für:

A

B

C

Marktsichtungsinstrument 1 usw.

Skalenwert

Gewichtungsfaktor

Produkt

A x B

1. In welchem Maß sind überflüssige Titel enthalten?
2. In welchem Maß sind Dubletten enthalten?
3. In welchem Maß fehlen erforderliche aktuelle Titel?
4. Aktualität im Durchschnitt
5. Kosten für das Abo
6. Retrospektive Titelinformation
7. Löschvermerke
8 Vergleichstitel
9. Tauglichkeit der Begutachtung
10. Anschaffungsvermerk
11. Verwendbare Titelaufnahmen
12. Verwendbare Klassifikation
13. Verwendbare Schlagwörter
14. Verwendbarkeit als Bestellunterlage
15. Verwendbarkeit als Titelaufnahme
16. Verwendbarkeit als Inhaltsbeschreibung für Benutzer
17. Verwendbarkeit als Laufzettel im Geschäftsgang
18. Wieweit sind Cover abgebildet?
19. Wieweit werden Vermarktungsstrategien deutlich?
20. Bedeutung für die Arbeitszufriedenheit?
21. Arbeitsaufwand für die Durchsicht
Summen ---
Nutzwert = Summe C : Summe B

 

 

Je größer der Nutzwert ist, desto besser ist das betreffende Marktsichtungsinstrumente auf den Bedarf der Bibliothek angepaßt.

4.6.2 Ergänzungsverfahren

Da die verschiedenen Medienmärkte (deutschsprachige Bücher, fremdsprachige Bücher, Tonträger, Videos, Spiele usw.) überwiegend disjunkt sind, also sich nach Herstellern, Vertriebswegen und Informationsquellen unterscheiden, kann man mithilfe des im vorangegangenen Abschnitts 4.6.1 dargestellten Verfahrens der Nutzwertanalyse Marktbeobachtungsinstrumente nur für jeweils denselben Medienmarkt vergleichen. Das Ergänzungsverfahren setzt das ausgewählte Marktbeobachtungsinstrument für den wichtigsten Medienmarkt (das ist in der Regel der deutschsprachige Buchmarkt) an den Anfang, formuliert je nach dem Bedarf der Bibliothek die Mängel dieser primären Informationsquelle und benennt dann weitere Informationsquellen, die gerade diese Mängel ausgleichen. In Tabelle 6 sind beispielhaft Mängel und weitere Marktbeobachtungsinstrumente angegeben; dabei wird vorausgesetzt, daß die Bibliothek außer deutschsprachigen Büchern auch englischsprachige Belletristik und populäre Sachliteratur erwerben möchte, ferner Videokassetten und Spiele.

Tabelle 6 Ergänzungsverfahren zur Ermittlung weiterer Marktbeobachtungsinstrumente

Priorität

Marktbeobachtungsinstrument

Mängel

1

Großer Informationsdienst der ekz

  • keine Videokassetten (diese im Medien-Info der ekz)
  • keine Belletristik und populäre Sachliteratur auf englisch
  • keine Spiele


2

Medien-Info der ekz

  • keine Belletristik und populäre Sachliteratur auf englisch (diese im Katalog des English Book Club)
  • keine Spiele


3

Katalog des

English Book Club

  • keine Spiele (diese in der Sondernummer Spiele des Medien-Info der ekz)

 

 


4

Sondernummer Spiele

des Medien-Info

der ekz

 

 

 

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